Veranstaltungen – Wissenschaftlicher Stab
Integration und Einbürgerung von Geflüchteten und Zugewanderten: Agency, Bürokratie und politischer Wandel
Internationale Konferenz des wissenschaftlichen Stabs, 13. – 14. November 2025 in Berlin
Dr. Marie Walter-Franke und Dr. Hakan Yücetas organisierten im Rahmen ihres Forschungsprojekts „Einbürgerung als ‚Integrationsbooster‘ für Geflüchtete“ eine internationale Fachkonferenz. In fünfzehn Vorträgen über zwei Tage verteilt gaben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Spanien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich Einblicke in ihre aktuelle Forschung zum Thema Einbürgerung.
Dr. Jan Schneider, Leiter des Bereichs Forschung beim Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR), eröffnete die Fachkonferenz mit über 40 Teilnehmenden und moderierte das erste Panel mit dem Titel „Policies, interests and norms“. Dr. Martin Weinmann vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) zeichnete mithilfe des Advocacy Coalition Frameworks die Entwicklung der politischen Debatte zur doppelten Staatsbürgerschaft in Deutschland von 1999 – 2024 nach. Dr. Nicholas Courtman vom King’s College London folgte mit einem historischen und rechtlichen Überblick über spezielle Einbürgerungsfälle in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er Jahren. Er legte exemplarisch dar, wie Einbürgerungsbehörden im Fall von Ermessenseinbürgerungen entschieden, ob die Einbürgerung im Interesse des Staates lag. Weghata B. Sereke, PhD und Dr. Stefan Manser Egli von der Università della Svizzera italiana führten anschließend in zentrale Einbürgerungskriterien in der Schweiz ein und beleuchteten insbesondere die Voraussetzung, „Kontakte zu Schweizerinnen und Schweizern zu pflegen“. Einbürgerungsinteressierte müssten eine Schweizer Referenzperson angeben, um ihre Integration nachzuweisen. Dabei zeigt ihre Analyse, dass die Behörden Referenzpersonen bevorzugen, die Schweizer per Abstammung und nicht durch Einbürgerung sind.
Das zweite Panel mit dem Titel „Bureaucracies, barriers and experiences“ moderierte Dr. Marie Walter-Franke. Prof. Dr. Christina Zuber von der Universität Konstanz stellte eine Studie zu lokalen Einbürgerungsbehörden in Deutschland vor. Sie zeigte auf, dass Einbürgerungskriterien wie z. B. die Berechtigung zur doppelten Staatsbürgerschaft lokal unterschiedlich ausgelegt werden. Dabei spiele die Organisationskultur der Behörde vor Ort eine wichtigere Rolle im Entscheidungsprozess als lokale Politikerinnen und Politiker. Dr. Hannah Bliersbach von Universität Leiden betrachtete den Umgang mit Ermessenseinbürgerungen sowohl aus Perspektive des Behördenpersonals als auch der Antragstellenden. Ihre Untersuchung verweise auf eine ungleiche Behandlung der Einbürgerungsbewerberinnen und -bewerber durch die Sachbearbeitenden. Prof. Dr. Giuseppe Pietrantuono der Universität Zürich beschäftigte sich hingegen mit den Gründen, warum deutlich weniger Menschen in Deutschland Einbürgerungsanträge stellen als eigentlich berechtigt wären.
Panel 3 „Requirements for naturalisation and their consequences for integration” leitete Dr. Hakan Yücetas an. Leona Przechomski von der Universität zu Köln stellte ihre Forschungsüberlegungen dazu dar, ob Einbürgerungstests eine Einstellungsveränderung bei Antragstellenden bewirken können. Es folgte ein Vortrag von Eréndira León-Salvador vom European University Institute in Italien. Sie stellte das zweispurige Einbürgerungsverfahren in Spanien vor und machte deutlich, wie unterschiedliche Herkunftsgruppen unterschiedlich vom Einbürgerungsrecht in Spanien profitierten. Dabei hätten insbesondere Zugewanderte aus lateinamerikanischen Ländern gute Einbürgerungsvoraussetzungen. Dr. Walter Franke und Dr. Yücetas stellten zum Schluss den Panels ihre aktuellen Ergebnisse aus dem SVR-Forschungsprojekt „Einbürgerung als ‚Integrationsbooster‘ für Geflüchtete“ vor, das von der Stiftung Mercator gefördert wird. Dabei gingen sie besonders auf die Erfahrungen Geflüchteter in der Interaktion mit den Behörden ein.
Nach jedem Vortrag folgte eine angeregte Diskussion.
Zum Abschluss des ersten Konferenztages hielt Prof. Dr. Hannes Schammann, Mitglied im Sachverständigenrat und Professor an der Universität Hildesheim, eine Keynote Rede. Unter dem Vortragstitel “Imagined Certainties in Organized Uncertainty: Reflecting on the Foundations of Policy-Making and Street-Level Bureaucracy on Naturalisation and Integration in Germany” erklärte er, wie imaginäre Gemeinschaften (‘imagined communities’) dazu beitragen, dass migrationspolitische Akteure auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Entscheidungen treffen.
Der zweite Tag der Konferenz begann mit Panel 4 „Citizenship, naturalisation and their consequences on behaviours and integration”, das Dr. Hakan Yücetas moderierte. Dr. Swantje Falcke von der Universität Utrecht stellte Studienergebnisse zur Mobilität eingebürgerter Menschen in den Niederlanden vor. Leander Andres vom ifo Zentrum für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik widmete sich möglichen Zusammenhängen von Staatsangehörigkeit und Kriminalität. Konkret untersuchte er Effekte der Staatsangehörigkeitsreform im Jahr 2000 – und der damit einhergehenden neuen Möglichkeit für in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder ausländischer Eltern, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben – auf die Jugendkriminalitätsstatistik in Deutschland.
Dr. Fabian Gülzau moderierte das Panel 5 „Refugees‘ access to citizenship and its consequences”. Prof. Dr. Jules Lepoutre von der Université Côte d’Azur sprach über rechtliche und bürokratische Verschärfungen im Einbürgerungsrecht in Frankreich, Dänemark und dem Vereinigten Königreich. Dr. Annika Fischer-Übler vom Deutschen Institut für Menschenrechte stellte Hürden im behördlichen Identitätsfeststellungsverfahren vor, das Teil des Einbürgerungsprozesses ist. Prof. Dr. Claudia Finotelli von der Universidad Complutense de Madrid zeigte am Beispiel Spaniens auf, wie der Erwerb der Staatsbürgerschaft die legale Integration von Zugewanderten mit prekärem Aufenthaltsstatus in Zeiten hoher Migration und instabiler Aufenthaltsverhältnisse erleichtern kann.
In einer abschließenden Podiumsdiskussion sprachen Prof. Dr. Christina Zuber, Prof. Dr. Giuseppe Pietrantuono, Prof. Dr. Jules Lepoutre und Dr. Jan Schneider über die zentralen Erkenntnisse der Konferenz, Schwerpunkte zukünftiger Einbürgerungsforschung und Möglichkeiten, wie wissenschaftliche Forschung besser zum öffentlichen Diskurs um Einbürgerungen beitragen kann.
Dr. Gülzau eröffnet das fünfte Panel.
Dr. Walter-Franke und Dr. Yücetas präsentieren Ergebnisse aus dem SVR-Forschungsprojekt „Einbürgerung als ‚Integrationsbooster‘ für Geflüchtete“.
Der Sachverständige Prof. Schammann hält eine Keynote Rede.
Auf dem Podium diskutieren v.l.n.r. Dr. Schneider (SVR), Prof. Lepoutre (Université Côte d’Azur), Prof. Zuber (Universität Konstanz), Prof. Pietrantuono (Universität Zürich) unter Moderation von Dr. Walter-Franke (SVR).
Dr. Schneider bei der Podiumsdiskussion.
Fragen aus dem Publikum.
Bildnachweis: SVR/Michael Setzpfandt






