Veranstaltungen – Sachverständigenrat

SVR-Fachgespräch West: Wohnen in der Einwanderungsgesellschaft: Befunde und Handlungsbedarfe

Fachgespräch zum SVR-Jahresgutachten 2026 am 18. September 2026 in Düsseldorf

Prof. Dr. Hannes Schammann, Mitglied des SVR, stellte den Teilnehmenden zentrale Befunde des aktuellen SVR-Jahresgutachtens mit dem Titel „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“ vor.

Dabei ging er zunächst auf Befunde zu den Wohnverhältnissen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund im Vergleich ein. Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland besonders häufig zur Miete. Sie wohnen zudem im Durchschnitt häufiger in überbelegten Wohnungen und müssen außerdem einen größeren Anteil ihres zur Verfügung stehenden Einkommens für Wohnkosten aufbringen. Diese Unterschiede hängen damit zusammen, dass besonders bei Neuzugewanderten die sozioökonomische Lage im Durchschnitt schlechter ist, und entsprechende Faktoren den Zugang zu Wohnraum maßgeblich bestimmen. Darüber hinaus sind weitere Faktoren von Bedeutung, darunter auch migrationsspezifische wie (auch rassistische) Diskriminierung oder individuelle Präferenzen bei der Wohnortwahl.

Eine Rolle spiele auch, dass Zugewanderte häufig in städtischen und suburbanen Gebieten leben, wo der Wohnungsmarkt angespannter ist. Städte spielen damit als Ankunfts- und Lebensorte für Zugewanderte und ihre Nachkommen eine besondere Rolle. Im Hinblick auf die räumliche Verteilung in Städten zeigt sich: Ethnische Segregation ist in Deutschland im internationalen Vergleich gering ausgeprägt und in den letzten Jahren und Jahrzehnten insgesamt zurückgegangen. Dabei gibt es regionale Unterschiede. So ist ethnische Segregation in den Städten des Ruhrgebiets ab 2013 gestiegen. Die soziale Segregation dagegen hat insgesamt zugenommen. Arm und Reich leben also tendenziell stärker jeweils unter sich. Zudem zeigt sich eine zunehmende Verschränkung von Armut und Zuwanderung.

Schließlich ging Prof. Schammann auf die Auswirkungen der Wohnlage auf Integration, Teilhabe und das soziale Miteinander ein. Bei einer guten sozialen Infrastruktur und vorhandenen Begegnungsräumen kann das Quartier zur sozialen Teilhabe beitragen, eine lokale Verbundenheit stärken und Vorurteile und Anonymität abbauen. Eine schlechte Infrastruktur wirkt sich dagegen negativ auf die Teilhabemöglichkeiten aus und kann auch das soziale Miteinander im Quartier beeinträchtigen. Auch die angespannte Wohnsituation in vielen Ballungsräumen kann Teilhabe beeinflussen, z.B. wenn sie den Zugang zu Erwerbstätigkeit erschwert. Das ist etwa dann der Fall, wenn zugewanderte Familien nicht dorthin ziehen können, wo sich bessere Jobchancen bieten, weil sie dort keine bezahlbare Wohnung finden. Das Problem stellt sich auch für ausländische Fachkräfte, die über ein stabiles Einkommen verfügen und als Neulinge in den angespannten Wohnungsmarkt eintreten. Damit ist Wohnraum inzwischen ein wichtiger Standort- und Wettbewerbsfaktor.

Abschließend zog Prof. Schammann das Fazit, dass die Probleme auf dem Wohnungsmarkt ganz überwiegend allgemeine soziale Probleme sind, die sich nur zu einem sehr geringen Teil durch Migrationspolitik lösen lassen. Gefragt sei vielmehr die Wohnungs- und Sozial- wie auch die Integrationspolitik. An vorderster Stelle stehe dabei, das akute Problem des erheblichen Wohnraummangels durch Ausweitung des Angebots anzugehen. Sozialer Segregation müsse entgegengewirkt und insbesondere im unteren Preissegment Wohnraum geschaffen werden; hier spielt etwa der soziale Wohnungsbau eine wichtige Rolle und eine kluge Stadtentwicklungspolitik. Ein besonderes Augenmerk sollte auf solche Quartiere gelegt werden, bei denen sich Armut und Zuwanderung verschränken.

Die anschließende vertrauliche Diskussion mit den Teilnehmenden aus Politik, Kommunen, Wirtschaft, Verbänden und Wissenschaft wurde von der SVR-Geschäftsführerin Dr. Cornelia Schu moderiert.

Zu Beginn wurde die Bedeutung regionaler Unterschiede auf dem Wohnungsmarkt thematisiert. So unterscheide sich die Situation zwischen Ballungsräumen und ländlicheren Regionen Nordrhein-Westfalens. Mancherorts gebe es Leerstand, hier sei Neubau nicht zwingend erforderlich. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang auch der Zielkonflikt zwischen der Ausweitung des Wohnungsangebots und dem umweltpolitisch gebotenen Schutz von Flächen vor weitergehender Versiegelung. Prof. Schammann betonte, dass eine Abwägung von Interessen stets notwendig sei, aber auch der das Angebot übersteigende Bedarf an bezahlbarem Wohnraum adressiert werden müsse. Der hänge auch mit der sinkenden Anzahl an Sozialwohnungen im Bestand zusammen.

Erörtert wurde auch das Verhältnis zwischen den wissenschaftlichen Befunden des Jahresgutachtens und den politischen Handlungsempfehlungen, die teilweise etwas allgemein gehalten seien. Prof. Schammann erläuterte, dass der SVR in seinen Jahresgutachten einen Fokus auf die Analyse und Aufbereitung des vorhandenen Wissens legt und die Gutachten mögliche politische Handlungskorridore aufzeigen. Wo wissenschaftlicher Konsens besteht, seien detailliertere Empfehlungen möglich als in Fällen uneindeutiger empirischer Befunde, wie sie sich etwa zur „sozialen Mischung“ von Quartieren zeigen. Zugleich wurde nach bestehenden Erkenntnis- und Datenlücken gefragt. Hier verwies Prof. Schammann zum Thema Flüchtlingsunterbringung auf die Berichtspflichten im Rahmen des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) zur Unterbringung von Geflüchteten, von denen er sich eine verbesserte Datenlage erwartet.

Ein weiterer Schwerpunkt der Aussprache lag auf Wohnungslosigkeit und prekären Wohnverhältnissen. Thematisiert wurde insbesondere die Verbindung zwischen prekärer Beschäftigung und Wohnraum, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes bei Zugewanderten zugleich zum Verlust der Unterkunft führen kann. In einigen Städten in NRW gebe es zudem die Problematik sogenannter Schrott- bzw. Problemimmobilien, die auch das SVR-Jahresgutachten anspricht. Diskutiert wurde dabei insbesondere das Zusammenspiel von Migration im Rahmen der EU-Freizügigkeit aus Rumänien und Bulgarien, prekären Beschäftigungs- und Wohnverhältnissen und Strukturen der Ausbeutung. Auch die räumliche Ansiedlung von Geflüchteten wurde thematisiert. Als Beispiel wurden Geflüchtete genannt, die wegen des dort vorhandenen Wohnraums in strukturschwächere Städte ziehen, wo es geringere Verdienstmöglichkeiten gibt. Hierbei spielten bestehende Netzwerke ebenso eine Rolle wie Wohnungsunternehmen, die durch die Vergabe von Wohnraum Einfluss auf die räumliche Verteilung nehmen. Hier zeigt sich, dass es auch Grenzen von politischen Steuerungsmöglichkeiten bei der Wohnsitznahme gibt, die von einer Vielzahl individueller Entscheidungen abhängt.

Mit Blick auf Wohnen, Arbeitsmarkt und Mobilität wurde diskutiert, dass vorhandener und vergleichsweise bezahlbarer Wohnraum für ländlichere Regionen ein Standortvorteil bei der Gewinnung internationaler Fachkräfte sein kann. Eine bessere Anbindung von Wohn- und Arbeitsorten durch den öffentlichen Personennahverkehr könne dabei die Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen verbessern. Prof. Schammann wies allerdings darauf hin, dass ein Ausbau des ÖPNV für ländliche Räume nicht immer realistisch sei. Hier gebe es Beispiele, dass größere Arbeitgeber eigene Mobilitätsangebote bereitstellen. Teilnehmende wiesen darauf hin, dass es für kleine und mittlere Unternehmen schwierig sei, selbst Wohnraum für internationale Fachkräfte zu schaffen. Als Herausforderungen wurden generell administrative Hürden und fehlende Planungssicherheit genannt, so könnten Arbeitgeber keinen Wohnraum für ausländische Mitarbeitende anmieten, die dann lange auf ein Visum warten müssen. Neben einer Beschleunigung von Verfahren seien lokale Netzwerke zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Politik wesentlich, um hier gute Lösungen zu finden. Prof. Schammann verwies auf die Rolle der Kommunen als Anker, über die auch KMU in flexible Wohnraumangebote eingebunden werden könnten.


Dr. Cornelia Schu, SVR gGmbH, begrüßt die Teilnehmenden.


Prof. Dr. Hannes Schammann, SVR, stellt das Jahresgutachten 2026 vor.

Weitere Eindrücke vom Fachgespräch.

Fotos: SVR

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